Drei goldene Regeln

13 Jahre schon – und damit seit seiner Entstehung – findet die Postproduktion des Literaturmagazins „Druckfrisch“ bei act statt. Mehr als höchste Zeit also, mal genauer hinzusehen, was in Raum 38 an den zehn Produktionsterminen im Jahr eigentlich so vor sich geht. 

Die finale Woche einer Druckfrisch-Episode startet in der Regel am Dienstagabend, fünf Tage vor der Ausstrahlung am Sonntagabend. Dann wird die letzte Einstellung in einer Fabrikhalle im Kölner Schanzenviertel gedreht – die in jeder Folge obligatorische Bestsellerliste. Noch in der gleichen Nacht findet das gesamte Material seinen Weg zu act und wird von unserem Digiboy aka Frank für den AVID vorbereitet, sprich digitalisiert. Und auch wenn bei der Postproduktion der letzten Ausgabe des Jahres vieles etwas anders laufen wird als in den vergangenen 108 Sendungen, bleibt zumindest bis hierhin alles wie gehabt.

Andy Ammer, Regisseur, Autor und unerwähnter zweiter Kameramann, kündigt unserem Editor Aron allerdings schon einige Tage vor Schnittbeginn an, dass diese Sendung kein Kinderspiel werden würde. Wundert aber auch keinen. Ist ja immerhin Weihnachten, was läuft da schon rund! Und so mussten schon beim Dreh etliche Druckfrisch-Regeln gebrochen werden, wie Andy zugibt. Zudem seien Teile des Materials so dunkel wie die Nacht in der sie gedreht wurden. Aber dazu kommen wir später.

Was Andy bei seiner Ankündigung noch nicht ahnen kann, ist ein in elf Jahren nie vorgekommener nächtlicher Anruf des Digitalisierers. Dem im Gegensatz zu Andy sehr wachen Frank fällt nämlich bei der Arbeit auf, dass sich auf der Festplatte normalerweise auch Material von der immer noch sehr obligatorischen Bestsellerliste befindet. Nach gemeinsamem übers-Telefon-Folder-durchsuchen ist schnell klar: Auf der Festplatte ist definitiv kein Material, in dem Denis Scheck mutwillig Bücher in Kisten befördert. Und das Originalmaterial ist zusammen mit Kameramann Thommi bereits 150 km in Richtung München in einem Autobahnmotel eingekehrt. Ungläubig, die Kopie vergessen zu haben und nicht ohne wenn-doch-Androhung, bleibt Thommy nichts anderes übrig, als sich um 1 Uhr Nachts noch mal ins Auto Richtung Köln zu setzen.

Andys Plan, ausgeschlafen und voller Energie am Mittwochmorgen den Schnitt anzutreten, ist also schon mal dahin. Nach der Aufregung um das Material bekommt er bis 4 Uhr kein Auge mehr zu. Gut für Aron, der die verspätete Ankunft von Andy schon mal nutzt und sich mit dem Schnitt der jetzt noch bedeutungsvolleren Liste auseinandersetzt.

act-Editor Aron hat erst vor fünf Folgen das langjährige Erbe von Norik Stephanjan angetreten, der seit dem Start 2003 dabei gewesen war. Während Aron in seiner Ausbildungszeit nach Feierabend noch heimlich den Avid in Raum 38 anschaltete, um Noriks Effekte nachzuvollziehen, ist er nun selbst der Herrscher über die Bilder. Und im Gegensatz zu anderen Projekten ist seine Kreativität hier nicht nur erwünscht, sondern eine klare Handlungsanweisung. Die Ästhetik der Sendung lebt von den plötzlichen Einfällen von Regisseur und Editor: Keine Idee ist zu abwegig oder unpassend – grundsätzlich geht erstmal alles und wird einfach ausprobiert.

Konstanten gibt’s natürlich trotzdem: Aufbau und Länge. Deshalb wird zu Anfang jeder Schnittphase erstmal ein „Drehbuch“ (siehe Foto) mit den Bausteinen der Sendung geschrieben: Intro, Interviews und Liste. Diesmal spricht Denis Scheck mit George R.R. Martin – richtig, Autor der Romanreihe „Das Lied von Eis und Feuer“, der Grundlage von Game of Thrones – und dem Gastrokritiker Jürgen Dollase, der kürzlich „Himmel und Erde“, ein Kochbuch mit avantgardistischen Rezepten veröffentlichte.
Die beiden großen Autoren machen es Andy und Aron am ersten Schnitttag, der traditionell dazu genutzt wird, die Interviews „auf Länge zu bekommen“, allerdings nicht ganz einfach. George R.R. Martin hat es sich für das Gespräch mit Moderator Denis Scheck in einer (für zwei recht stattliche Herren) viel zu kleinen Schiffskabine gemütlich gemacht, die auch optisch nicht sonderlich viel hergibt. Schöne Bilder sind also eher Mangelware. Der andere Gesprächspartner hatte für ein sechsminütiges Interview schlichtweg zu viel zu sagen. Und so werden Denis‘ Fragen und Dollases Antworten immer wieder aufs Neue durcheinandergewürfelt, was dazu führt, dass das Interview erst nach der dritten Überarbeitung am nächsten Morgen die gewünschte Länge erreicht.

 

Zwischendurch kann allerdings bereits ein großer Erfolg verbucht werden: Das eingangs erwähnte rabenschwarze Material vom „guten Buch zur späten Stunde“ wird innerhalb weniger Minuten die Rettung erfahren. Held der Stunde: Chefcolorist von Head Quarter alias Happy, der sich die Original-Files auf Festplatte geben lässt und am DaVinci Resolve eine 25% Aufhellung so ganz ohne Rauschen hinbekommt. Aron ist begeistert! Am liebsten würde er gleich seinen Job aufgeben und Colorist werden.

Am Donnerstag folgt die Kür auf die Pflicht. Bei Druckfrisch heißt das, Intros zu schneiden und die Musik für ebenjene auszuwählen. Zwar müssen sich auch die Intros an Längen halten, dafür ist aber die inhaltliche Ebene frei gestaltbar. Anders als das von Magazinsendungen bekannt ist, gibt es bei Druckfrisch keinen Sprechertext zwischen den einzelnen Bausteinen, sondern Musikstücke, die die Stimmung vorgeben. Dementsprechend müssen die Bilder keinem Text folgen, sondern „nur“ mit der Musik harmonieren. Oder auch andersherum. Abhängig davon, was eher feststeht.

Aron sichtet zuerst das Material, das für die Intros in Frage kommt. Das kann bei Druckfrisch ziemlich viel sein, da beim Dreh in der Regel keine Geschichten erzählt werden, sondern wie im Schnitt größtmögliche spielerische Freiheit herrscht. Was vor Ort passiert, passiert eben und wird nebenher mit der Kamera festgehalten. Übrigens eigentlich mit dreien: Eine Arri Amira von Thommi dem Kameramann, eine Sony XDCAM, die Andy selbst bedient und eine EOS 5D, die bedient, wer grade eine Hand frei hat.
Während des Sichtens bekommt Aron meistens schon etliche Ideen, wie die Intros aussehen könnten und fängt munter an zu basteln. Andy wühlt sich derweil durch seine Playlisten, CDs, Youtube oder wo er sonst nach passender Musik fündig werden könnte. Dabei gilt es die drei goldenen Regeln zu beachten: 1. Nie soll ein Song doppelt in Druckfrisch vorkommen. 2. Nie darf Musik semantisch oder illustrativ sein. 3. Nie sollte ein schmalziges Lied von Tom Waits gespielt werden. Klingt machbar. Regel Nr. 1 lässt sich leicht auf dem act-Server überprüfen, auf den Andy von seinem Macbook aus zugreifen kann. Wie alle Kunden hat er dort einen Ordner, in dem er wichtiges und unwichtiges Zeug ablegen kann. Schön säuberlich hat er sich für jede Folge einen Ordner mit der jeweils eingesetzten Musik angelegt.

Geholfen hat ihm die technische Finesse trotzdem nicht. Es ist Donnerstagabend und wohl nicht mehr abzuwenden, dass die Sendung mit "God Gave Rock And Roll To You" von KISS das Jahr beschließen wird, obwohl der Song bereits in einer anderen Episode auftauchte. Eine Erklärung gibt’s dafür nicht – er gehört einfach grade dorthin. Es kommt aber noch besser: Sigur Rós dürfen mit „The Rain Of Castamere“, der Westeros-Ballade, George R.R. Martin ankündigen und Tom (ich-stehe-auf-dem-Index) Waits schafft es am Ende leider wie kein anderer, dem Hafenviertel von Oakland mit „Dirt in the Ground“ die nötig elegische Stimmung zu geben. Damit bricht Andy also in Folge 109 alle drei goldenen Musikregeln. Irgendwie gibt's da aber auch noch die Druckfrisch-Regel, die über allen steht: Brich die Regeln! Frohe Weihnachten auch.

Der Freitagmorgen geht vor allem für Feinschnitt und Farbkorrektur drauf. Neben dem Standardgrading muss zum Beispiel das Intro zu Dollase „dreckiger“ und weniger „fleischfarben“ werden. Also grob gesagt business as usual an einem Freitag der Druckfrisch-Woche. Bis zum Besuch von Denis Scheck und dem Redakteur um 17 Uhr steht dann zum Glück fast die ganze Sendung (Samstagmorgen folgen noch ein paar redaktionelle Endarbeiten, Bauchbinden, Abspann und die Ausspielung). Und trotz des steinigen Wegs, sind alle sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ok, Andy denkt weiterhin darüber nach, alle Musiken raus zu werfen (soll alles schon vorgekommen sein), lässt sich aber von den Anwesenden überzeugen, dass die Wahl so ihre Richtigkeit hat. Und sowieso, Oscar Wilde wusste schon: „Regeln lenken den weisen Mann. Der Dummkopf befolgt sie.“

Die ganze Sendung, die nebenbei erwähnt fast eine Million Zuschauer und 7,9% Marktanteil um Mitternacht erreichte, gibt es hier in der Mediathek des Ersten zu sehen.

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